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Gegenständliches

„Me First!“
14. Mai 2021
 

Gegenständliches

Gestern musste ich ein Päckchen bei einem Juwelier abholen.

Zunächst fand ich es sehr befremdlich, dass ein Juwelier Päckchen lagert.

Außerdem habe ich mich (kurz) geärgert, da der Paketmann offenbar nur sehr leise geklingelt hat, denn ich war den ganzen Tag zu Hause.

Dann dachte ich mir, dass ich beim Juwelier vielleicht etwas Nettes finde, und so das Geldgeschenk meiner Eltern einlösen kann.

Und tatsächlich fand ich Ohrringe.

Über die Päckchen und die Ohrringe kam ich mit der Juwelierin ins Gespräch.

Sie nimmt die Päckchen an, um so in Kontakt mit neuen Kunden zu kommen, was bei mir offenbar gut funktioniert hat.

Auch sagte sie, dass sie mittlerweile froh ist, wenn Menschen mit Karte zahlen – und nicht wie ich mit einem Geldschein – da sie kaum mehr Wechselgeld hat.

Alles würde auf Kartenzahlungen umgestellt.

Wir überlegten, wie unpersönlich es ist, wenn ein Geldgeschenk auf das Konto kommt, und man dann mit der Karte etwas kauft - womöglich noch im Internet.

Früher fand ich das eigentlich ganz gut – nicht in ein Geschäft zu müssen, nichts anprobieren zu müssen, sondern etwas bestellen zu können.

Aber seit Corona stellt sich, neben dem Überleben des Einzelhandels, auch die Frage des sozialen Austauschs und der Wertigkeit.

Durch dieses Päckchen bin ich einerseits zu einem netten Gespräch gekommen, und außerdem zu Ohrringen, von denen ich weiß, dass sie ein Geschenk meiner Eltern sind.

Dass ich den Schein dazu in der Hand hielt, macht das ganze doch Gegenständlicher.

Stellt sich die Frage, ob diese Ohrringe nicht wertvoller sind, als wenn ich sie bestellt hätte.

Wertvoller, da gefüllt mit Erinnerungen.

Erinnerungen an das Geschenk, das meine Eltern mir gemacht haben.

Gefüllt mit Erinnerungen an das Gespräch mit der Juwelierin.

Gefüllt mit dem neuen Input, den ich durch das Gespräch bekommen habe.

Gegenständliches war bisher nicht so mein Ding, aber nun frage ich mich doch, ob Gegenständliches nicht manchmal wertvoll sein kann.

Wertvoll in dem, was um das Gegenständliche geschehen ist, und dadurch reich an Erinnerungen.

Vielleicht hätte ich das, was in dem Päckchen war, auch „real“ kaufen sollen.

Vielleicht hätte ich dann noch mehr Wertvolles erlebt.