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Das vergessene Ich

Meistens haben wir Angst zu vergessen.

Wir fürchten uns vor Erkrankungen des Vergessens wie Alzheimer oder anderen Demenzen, die uns unser Selbst vergessen lassen. Andererseits hören und lesen wir immer wieder davon, achtsam und gegenwärtig im Augenblick zu sein, wäre der Schlüssel für ein erfülltes und zufriedenes Leben. Ist das nicht „selbstgemachtes Vergessen“?

Bitte missverstehen Sie mich nicht, mir liegt es fern, mich in irgendeiner Form despektierlich über Erkrankungen zu äußern. Und natürlich möchte ich die Tragik solcher Erkrankungen nicht herunterspielen, weder für die Betroffenen, noch für die Angehörigen. Aber die Frage steht im Raum, ob gegenwärtiges Leben, ohne den Ballast von Vergangenheit und Zukunft nicht das ist, was viele sich wünschen, weil es mit einem achtsamen und zufriedenen Leben einhergeht.

Daher die Frage: was macht es uns so schwer, unbelastet im Augenblick zu sein, wo doch viele von uns sagen würden, dass es ein guter Zustand ist, ohne die Bürden der Vergangenheit und die Sorgen vor der Zukunft nur im Augenblick gegenwärtig und achtsam zu sein?

Was also ist der Unterschied zu Erkrankungen wie Alzheimer?

Ist es, weil wir uns eine Erkrankung nicht aussuchen, weil sie uns widerfährt, oder ist es die Angst vor Kontrollverlust im Rahmen einer solchen Erkrankung?

Wenn wir das Gefühl haben, zumindest ein Teil unserer Angst, eine solche Krankheit zu bekommen, ist die Angst vor dem Kontrollverlust, dann sollten wir uns schon jetzt die Frage stellen, ob diese Angst nicht auch gerade im Moment der Hinderungsgrund ist, gegenwärtig und achtsam im Augenblick zu verweilen.

Vielleicht ist es diese Angst vor dem möglichen Kontrollverlust, der uns daran hindert, zumindest für mehr als einige Minuten die Vergangenheit und auch die Zukunft zu vergessen und ganz in der Gegenwart zu sein.

Wenn Sie ganz ehrlich zu sich sind - und das erfordert oft Mut - und diese Angst vor einem Verlust der Kontrolle bei sich wahrnehmen, ist es sicher lohnenswert, zu hinterfragen, was „Kontrolle“ für Sie bedeutet, was Sie versuchen zu „kontrollieren“, was „kontrolliert“ werden sollte. Um vielleicht nicht negativ aufzufallen? Oder sich nicht „daneben zu benehmen“?

Das führt unweigerlich zu der Frage, welches Selbstbild Sie von sich haben und wie Sie glauben, es präsentieren zu wollen.

Sind Sie genug, auch ohne Kontrolle über sich selbst?

Denn wenn Sie etwas in sich und an sich kontrollieren müssen, um „gut“ genug zu sein für die Gegenwart, werden Sie wohl kaum loslassen können, um ganz im gegenwärtigen Augenblick zu sein.

Ich lade Sie ein, sich dieser Frage einmal zu stellen:

„Bin ich gut genug, auch ohne Kontrolle über mich selbst?“

Jede Ihrer Antworten wird Sie ein Stückchen näher zu Ihrer Vorstellung von Ihrem „Ich“ bringen und zu der Überlegung, ob das „Ich“ vergessen werden muss, um zufrieden und achtsam gegenwärtig zu sein, oder ob nur „Ihre Vorstellung von Ihrem Ich“ vergessen werden muss.